Allgemein · Besondere Schicksale · Thriller

City of Thieves

Natalie C. Anderson — Taschenbuch 14,95€  — 400 Seiten — dtv Verlag –– Einzelband

Inhalt

Tina war 5, als sie mit ihrer Mutter aus ihrer Heimat, dem Kongo, fliehen musste und Zuflucht in Sangui City, Kenia, fand. Als ihre Mutter ermordet im Haus ihres Arbeitgebers aufgefunden wird, hat Tina nur noch ein Ziel: Rache zu nehmen für den Mord an ihrer Mutter. Die nächsten Jahre versucht sie auf der Straße zu überleben, unter dem Schutz der Goondas, der führenden Gang in Sangui City, die Tina zur Meisterdiebin ausbilden. Als endlich der Moment der Rache gekommen ist, muss Tina, jetzt 16, feststellen, dass die Wahrheit viel komplizierter und brutaler ist, als sie geahnt hat. Die Aufklärung des Mordes führt Tina zurück in den Kongo, wo sie erfährt, dass ihre Mutter ihr vieles aus der Vergangenheit verschwiegen hat. Und das bringt sie und die ihr Nahestehenden in tödliche Gefahr …

Review

Wenn du ein Dieb sein willst, musst du als erstes begreifen, dass es dich nicht gibt.

S.7

Zunächst sollte ich erwähnen, dass ich generell ein riesiger Fan von Büchern bin, die einen Dieb als Protagonisten haben. Mir gefällt besonders das ewige Planen vor einem Überfall oder einem Raub. In dieser Hinsicht hat das Buch nicht enttäuscht: Tina steigt wirklich überall ein und alles läuft soweit mehr oder weniger eben nach Plan. Ihr bester Freund Boyboy agiert als Hacker, der ihr so Sicherheit vor den Bewachungsanlagen bietet. Die Szenen der Einbrüche sind abwechslungsreich und spannend gestaltet, man wird richtig mitgerissen! Ich fand es lediglich schade, dass der Einstieg der Geschichte direkt mit dem schwierigsten Einbruch beginnt, ein kleinerer, aber raffinierter Raub vorher hätte mir eine Freude bereitet. Andererseits ist gerade der Einstieg in die Geschichte besonders interessant, da man zu Beginn noch nichts über die Protagonistin weiß. Man wird gewissermaßen ins kalte Wasser geschmissen und versteht noch nicht ganz warum all das geschieht oder wer die ganzen Figuren sind.

Die Protagonistin zeichnet sich vor allem durch ihre Stärke und ihren Mut aus. Für sie ist die Welt zu Beginn schwarz-weiß. Sie ist sich sicher, wer der Bösewicht in ihrem Leben ist und darauf richtet sie ihr Leben aus. Die Schicksalsschläge haben ihr Härte und Ziele gegeben, mit Hilfe derer sie weiterhin überlebt. Ihre Schwester ist die einzige, die ihr geblieben ist, ihr Vater ist unbekannt. Um dieser ein besseres Leben zu bieten, bringt Tina sie in eine Klosterschule, auf der sie ein Stipendium erlangt. Tina selbst schließt sich einer Gang an und beginnt hart zu trainieren. Ihr Ziel: Den Mörder ihrer Mutter durch den Dreck ziehen. Was ich hier gut fand, war, dass Tinas Charakter sich so leicht zusammen fügt: Sie hat nicht den geringsten Wunsch zur Schule zu gehen, ist aber trotzdem sehr intelligent. Dazu passt auch ihre eher einfache Ausdrucksweise, die vor allem von der Straße geprägt ist. Einen Sinneswandel gibt es hier auch bis zum Schluss nicht, was diese Facette um so glaubwürdiger macht. Ihre Zugehörigkeit zu ihrer Gang demonstriert sie, wie alle Mitglieder, durch zahlrreiche Tattoos, die aber meist auch eine gewisse Bedeutung haben. Unter ihnen befinden sich unter anderem das Rad und das Schwert der heiligen Katharina, ein Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht.

In Michaels grünen Augen blitzt Wut auf „Hör mal, du bist doch diejenige, die ohenein Wort abgehauen ist, Tina. Fünf Jahre lang habe ich mich gefragt, was mit euch beiden ist.“ Wir funkeln uns an. Auf einmal finde ich ihn überhaupt nicht mehr hübsch.

S.97

Die anderen Figuren waren auch alle sehr gut durchdacht, mit eigenen kleinen Marotten und Hintergrundgeschichten. Dauernd erfährt man etwas Neues über die Charaktere und lernt sie besser kennen. Einige bleiben natürlich auch eher flach, da sie sich nicht ändern müssen und auch im Allgemeinen nicht so wichtig für die Geschichte sind. Michael, der alte Kindheitsfreund von Tina, ist auch nicht besonders vielschichtig. Er nimmt durchgehend die Rolle als Tinas Unterstützer ein und entwickelt sich auch nicht besonders viel. Trotzdem kann er mit seiner Rationalität und seiner Loyaität überzeugen, und er ist der einzige, der Tina in ihre Schranke weist. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen den beiden entwickelt nimmt nicht zu viel Platz im Buch ein, es wird besonders auf die Ereignisse sowie Tinas Entwicklung fokussiert. Dies kommt dem Buch auch durchau zu Gute, da genau die Geschichte so angenehm zu lesen macht. Trotz allem ist die Chemie zwischen den beiden nicht besonders stark und die Beziehung erscheint etwas platt und gestellt, vor allem unter dem Aspekt, dass beide siebzehn sind und eben nicht vierzehn, das Alter in dem sie eher dargestellt werden. Eine richtige Reife und Objektivität ist bei beiden irgendwie nicht zu erkennen.

Dieses Problem findet sich vor allem im Schreibstil. Die übersetzung des Buches, das eigentlich auf Englisch geschreiben wurde, ist nicht schlecht aber ebne auch nicht besonders gut. Dem Schreibstil haftet etwas 0815 ähnliches an, was viele Ereignisse weniger vibrant erscheinen lässt. Man merkt dem Buch doch schon deutlich an, dass es sich um eine Übersetzung handelt, was eigentlcih sehr schade ist. Die Sätze sind eher simpel und kurz, es werden keine ausgefallenen Wörter benutzt und auch lebendige Beschreibungen fehlen vollkommen. Das schwächt vor allem die Wirkung des Buches auf den Leser und beeinträchtigt so die Leseerfahrung.

Davon wird natürlich auch die Atmosphäre des Buches beeinflusst. Denn diese existiert kaum, der Schreibstil verhindert das Aufkommen von richtiger Spannung, wie man sie in Thrillern gewöhnt ist. Für mich erfüllt das Buch so die Erwartungen, die man an das Genre hat, nicht. Ein Thriller muss sich wirklich anschleichen, und einen dann aus dem nichts packen und ins Chaos werfen. Nichts sollte sofort so sein, wie erwartet und vorhergesehen. Das war bei diesem Buch leider nicht der Fall, denn vieles war eher offensichtlich. Die Endszene hatte durchaus auch Spannungen, aber eher den Charakter eines Actionromans (ist das überhaupt ein Begriff?) als den eines Thrillers. Ich würde das Buch eher so in Reality, also Geschichten, die im echten Leben spielen, einordnen, oder eben Krimi, aufgrund des Mordes, wegen dem die Ereignisse ihren Lauf nehmen. An dieser Stelle muss ich aber anmerken, dass das bei der enlischen Version durchaus auch anders sein kann, da der Roman auch das Potenzial für einen Thriller hat; die Umsetzung ist nur leider mit diesem Schreibstil nicht ganz möglich (ok, der Schreibstil war auch nicht so schlecht, aber halt nicht gut genug; „Der Hobbit“ fand ich da deutlich schlimmer 😉 ).

Die Handlung war dennoch sehr interessant und unterhaltsam. Die Etappen waren gut durchdacht und es kam bei mir wirklich keine Langeweile auf. Die eher langen Rechercheszenen waren angenehm von den kleinen Streitgesprächen zwischen Michael und Tina gespickt und habe dem Buch auch eine gewisse Leichtigkeit verliehen. Das Buch hat natürlich auch viele Plotttwists, von denen viele zwar vorhersehbar waren, doch der Großteil hat sich als tatsächliche Überraschung erwiesen. Die Handlung ist darauf ausgelegt, dass der Leser immer mehr über Tinas Leben in der Gegenwart aber auch in der Vergangenheit erfährt. So spielt auch die Geschichter ihrer Mutter eine zunehmend große Rolle, die schließlich der Schlüssel zur Lösung des eigentlichen Rätsels ist.

Zum Schluss muss ich einfach nochmal das Setting des Romans erwähnen: Die Geschichte selbst spielt in einer imaginären Stadt in Kenia. Bereits die Straßenszenen und die Häuserzeilen erwecken ein lebendiges Bild des alltäglichen Lebens dort und Dank Tinas Lebensumsände bekommt man einen durchaus realistischen Einblick in den Lebensstil der unteren Schichten. Die Straße ist von Kriminalität bestimmt, Eckkneipen sind der Treffpunkt aller zwielichtigen Gestalten und auch Bordelle und Prostituierte gibt es an jeder Ecke. Und doch erlangt die Stadt eine Schönheit, die man nur von Tinas Dach aus sehen kann. Der Großteil der Menschen ist trotzdem nett und überallem liegt eine eher lockere Atmosphäre. Ich war noch nie in Kenia, doch in dem Buch bekommt man wirklich die Lust, dort einmal Urlaub zu machen (wenn es den die aktuelle Lage wieder zulässt). Zugleich erfährt man sehr viel, über den Bürgerkrieg in Kongo mit den verschiedenen Gruppen, die sich dort in verschiedenen Zusammensetzungen bekämpft haben. Unterschiedliche Kriegsverbrechen werden in die Geschichte miteingebunden und in den Hintergrund einiger Figuren integriert. Auch die Flucht von Tina und ihrer Mutter wird ausführlich beschrieben, so dass man einen guten Eindruck der damaligen Ereignisse erhält.

Fazit

Für alle Mädchen, die mehr sind, als nur Flüchlinge

S.5

Insgesamt würde ich das Buch jedem empfehlen, der mit einer starken Protagonistin nach Afrika reisen möchte, um dort einen Mordfall zu lösen. Die Beshreibungen des Lebens dort sind sehr einprägsam und lebendig. Der Schreibstil kann nicht viel und wer das Genre Thriller erwartet, wird im Zweifel enttäuscht, aber die Handlung ist trotzdem actionreich und aufregend. Alle Figuren erscheinen zudem sehr real und habe eine gut entwickelte Hintergrundgeschichte, die auch Ereignisse des Bürgerkriegs in Kongo miteinbindet. Ich bereue es nicht, das Buch gelesen zu haben und würde es auch jedem weiterempfehlen, der auch eine Freude an derartigen Einbrüchen hat. Gerade wenn man Interesse an der Politik und auch Kenia und Kongo an sich hat, ist das Buch wirklich eine Wahl, die ich ans Herz legen kann.

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