Selbst geschrieben!

#Writing Friday – Bitterkalt

Hey Leute,

Heute mal endlich der Beitrag, den ich im Januar begonnen habe… Ich bin zwar nicht komplett zufrieden, aber genießt die Geschichte trotzdem!

Bitterkalt

Bitterkalt fing dieser Tag an und ich hatte die Befürchtung, dass es mein letzter sein würde. Die Kälte war tückisch: Schon zu lange kämpfte ich gegen sie an, doch der Kampf war zwecklos. Ein übermächtiger Feind hatte sich meiner bemächtigt. Und auch wenn die Wintertage sicher als Grund angesehen werden konnten, so hatte sie ihren Ursprung weit davor. Genau 2 Jahre davor. Damals war ich noch warm gewesen, offen. Und genau das hatte mich in meine Lage gebracht. Im Heim wurde mir beigebracht, dass die Welt nicht aus Sonnenschein besteht. Nicht jeder ist nett. Nicht jeder möchte helfen. Doch das hatte ich auch schon vorher gewusst. Die Kälte schlummerte in den gefährlichsten Ecken. Man musste sie klein halten, tief in einem Winkel des Herzens verwahren. In Ketten legen und hinter Mauern verschließen. Sich mit Wärme umgeben. Nur dann blieb man selbst warm. Und so konnte ich das stille Weinen meiner Mutter ertragen, wenn sie mich am nächsten Morgen wieder anlachte und in die Arme nahm. Ich ertrug auch die Schikanen der Schule. Ich zuckte nicht mit der Wimper, wenn mich jemand verletzte, denn ich wusste, meine Mutter würde sich um mich kümmern sobald ich durch die Tür war. Doch am wichtigsten war mir meine kleine Schwester: Ein naives Bündel Freude, das einen immer beinahe umrannte. Mit ihren drei Jahren konnte sie sich damals kaum auf ihren stummeligen Beinen halten. Immerzu wollte sie spielen und Geschichten hören. So bereisten wir Tag täglich den Jungel, machten die Meere unsicher und fielen beim Anblick unseres Prinzen in Ohnmacht. Wir waren überall auf dem Planeten, nur nicht zu Hause. Denn wer wollte schon in einer kleinen schmutzigen Wohnung in einem Sozialbau leben? Ich denke, schon damals war die Kälte um mich herum, hatte sich von hinten an mich herangeschlichen, doch wir waren zu befreit, um es zu bemerken. Dieser Zustand sollte nicht lange anhalten.

Als wir beide älter wurden, trieb es uns auseinander. Sie begann sich regelmäßig außerhalb zu verabreden. Sie sparte ihr erarbeitetes Geld für teure Klamotten. Sie ging mit ihren reichen, weißen Freundinnen shoppen. Gab vor, eine von ihnen zu sein. Und ich ließ es geschehen. Ich vertraute dem Bauchgefühl meiner Schwester und bestärkte sie in ihrer Absicht, unserer Wohnung zu entfliehen. Ich kannte ihre Träume und hatte sie auch schon selbst geträumt, doch meine Leistungen waren nicht gut genug und ich war schon immer ein Realist gewesen. In einem anderen Leben hätte ich es vielleicht schaffen können und wäre das Vorbild gewesen, das meine Schwester so dringend brauchte – doch das konnte ich damals nicht. Was sie wohl sagen würde, wenn sie mich jetzt in dieser zugigen Ruine hätte sehen können? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Obwohl ich das sollte.

Doch das hat sich bisher nicht geändert: Ich kenne sie kaum. Auch jetzt nicht. Auch damals nicht. Später hat man mich gefragt, ob ich irgendetwas geahnt hätte, doch ich war blind. Zu beschäftigt, unseren Unterhalt zu verdienen. Im offiziellen Bericht stand dann, dass sie nie den Tod unserer Mutter verkraftet hat. Die war da schon ein Jahr lang tot. Betrunken ertrunken. Im Fluss hinter unserem Haus. Die Leiche wurde weiter unten gefunden. Da habe ich vielleicht zum ersten Mal die Kälte wargenommen. Habe gespürt wie ihre kalten Finger mich liebkosten. Wie ihr eisiger Atem meine Nackenhaare aufstellt. Doch ich konnte sie meiner Schwester zuliebe vertreiben.

Schon bald hatten wir uns damals an die neuen Umstände gewöhnt. Das war natürlich auch ein Grund für den Tod: Unmenschliche Lebensumstände. Ich arbeitete damals acht Stunden am Tag in einer Villa und kümmerte mich um die Kinder. Ich verdiente zwar nicht viel, doch für uns beide reichte es knapp. Hinzu kamen abgetragene Kleider und übriges Essen, das ich mitnehmen durfte. Mit meinen fünfzehn Jahren war ich deutlich billiger zu bezahlen und es gab keinen, der je nach mir gefragt hätte. Meine Schwester ging weiterhin zur Schule. Ich drängte sie, an ihren Träuumen festzuhalten, doch in ihrem Blick lag etwas trostloses. Eine Eiswüste hatte sich darin ausgebreitet. Meine Bemühungen waren umsonst. So hinterfragte ich nichts, als sie ihren Lebensgeist wiederfand. Im Gegenteil, ich bestärkte sie weiter. Ich ließ ihr ihre Freiheit. Hinterfragte nicht, wo sie hin ging. Ein weiterer Fehler. Sie traf sich mit ihrem Freund. Ich kannte ihn nicht wirklich, sondern hatte ihn nur wenige Male getroffen. Zugegeben, er hat keinerlei Interesse geweckt. Obwohl er es sollte. Doch ich war damit beschäftigt, uns über Wasser zu halten, und wenn er es ernst meinte, so wäre dies willkommene Hilfe. Wilkommene Hilfe! Geholfen hat er nicht. Er mied unser Haus, mich, die Gegend und nahm meine Schwester immer auf spektakuläre Dates mit, die ich mir danach stundenlang anhören durfte. Mir ging er zwar etwas auf die Nerven, doch meine Schwester liebte ihn innig und war sich sicher, den richtigen gefunden zu haben. Ich habe ihre Wahl nicht in Frage gestellt. Auch, wenn ich das vielleicht hätte tun sollen. Denn ich war die, die sie zuerst fand. Die sie zuerst schüttelte, die zuerst aufschluchzte. Die, deren Herz zerbrach. Ihn habe ich nach dem Ereignis nur noch äußerst selten gesehen.

Es geschah plötzlich: Meine Schwester kam in Tränen aufgelöst von einem Treffen zurück. Ich drängte sie, mir zu sagen, was passiert war. Sie zeigte mir einen Schwangerschaftstest und eine Bestätigung des Arztes. Und ich stand erfroren da. Unfähig zu fühlen, zu handeln, zu denken. Letztendlich habe ich sie dann in den Arm genommen. So, wie ich es schon immer getan hatte. Sie wollte nicht abtreiben – meine Schwester hing schon zu sehr an ihrem Kind. Der Vater nicht. Die Kälte trieb es ins Haus und meine Schwester trauerte lange. Um ihre Zukunft. Um ihre Beziehung. Um ihr Kind ohne Vater. Ich ließ ihr ihre Ruhe. Außerdem hatte ich begonnen noch mehr Schichten zu übernehmen, um unsere Erparnisse zu erhöhen. Wir würden sie bald brauchen. Natürlich hätte ich das Kind nicht behalten. Doch ich konnte es meiner Schwester nicht entreißen und war der Meinung, sie könne ihre eigenen Entscheidungen fällen, ihren eigenen Weg gehen. Und nach einiger Zeit schien es ihr besser zu gehen. Sie begann, sich wieder mehr unter die Leute zu mischen und begleitete mich beim Einkaufen. Sie bekam wieder einen Hoffnungsschimmer in den Augen. Sie strahlte zwar nicht mehr, aber sie lächelte. Deshalb trafen mich die Ereignisse so unvorbereitet. Obwohl alle später der Meinung waren, ich hätte es vorausahnen sollen; Ich konnte es beim besten Willen nicht erkennen. Und so zerbrach ich, als ich sie in der Nacht fand. Auf dem Boden unserer Wohnung. Neben ihr standen noch die Pillen. Das Feuer erloschen, nur noch Asche übrig. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Die Worte, bevor man sie unter die Erde brachte. Ich war die einzige anwesend. Die Polizei war sich sicher: Die Umstände hatten sie zu dieser Tat getrieben. Ich war kalt, gefühllos. Ich war nur noch ein Beobachter, der alles aus sicherer Entfernung betrachtet. Der dann weiter geht und nach Hause zurückkehrt. Nur dass ich nie zurückkehren konnte.

Sie steckten mich in ein Heim, bis ich volljährig war. Dort hielt ich mich von allen fern. Keiner wollte etwas mit mir zu tun haben, die Kälte schien mir zu folgen. Die Erzieherinnen waren streng und der Alltag rau. Doch mir hat das nichts ausgemacht. Ich war gefühlslos geworden, taub. Nur noch ein Schatte meiner selbst. Passiv. Ich ließ alles über mich ergehen und war die meiste Zeit abwesend. Damit machte ich mich zwar leicht zum Opfer, aber nach einigen Gerüchten hat sich dann doch keiner mehr getraut. Etwas in mir war bei ihrem Anblick erstarrt und konnte nicht mehr gerettet werden. Jeder, der sich meiner annahm, kämpfte auf verlorenem Grund. Ich sprach kaum, hörte selten zu und wurde zum Beobachter. Manchmal stellte ich mir vor, dass dies wieder eine von unseren fantasievollen Geschichten war, doch keiner wagte es, mich aus meinem Albtraum aufzuwecken. Einmal brachten sie mich sogar zum Psychologen. Der konnte auch nichts machen. Das ist dann nicht nochmal passiert, da das Heim nach einiger Zeit in Geldnot geriet. Es gab an nichts mehr genug, so dass ältere Kinder sofort gehen mussten. Der Zulauf wurde immer größer und bald war es auch für mich an der Zeit zu gehen.

Sie besorgten mir eine Arbeitsstelle bei einer Bar, damit ich mich selbst versorgen konnte. Die stickige Luft dort werde ich nie vergessen; der Gestank nach Schweiß und Alkohol ließ sich nicht aus den Kleidern waschen und brannt sich tief in meine Seele ein. Doch ich beklagte mich nicht und ehrlich gesagt war mir alles auch ein wenig egal. Ich hatte zwar kaum noch Sozialkompetenzen, war dafür aber zuverlässig, trank nicht während der Arbeit und erledigte alles nach Plan. Mit den anderen Mitarbeitern kam ich nicht sonderlich gut aus, doch ich brauchte keine Freunde mehr. Meine Hülle existierte so gerade noch; von mir selbst war da bereits nicht mehr viel übrig. So kam es, dass die anderen mich für arrogant und hochnäsig hielten und sich allesamt gegen mich stellten. Meine Kälte hatte nun auch sie in Beschlag genommen und wer mag schon Eiswüsten? Als dann eines nachts unser Boss vollkommen betrunken zur Bar kam und sah, dass sich wieder jemand an den teuren Vorräten bedient hatte, schwärzten sie natürlich mich an. Alle zusammen. Und mein Boss, der nicht klar denken konnte, feuerte mich. Eine neue Arbeit fand ich nicht. Ich kannte keinen in der Stadt, das Heim war weit entfernt und keiner wollte jemand Fremdes mit meinem Lebenslauf einstellen. Ich begann ein Meister im Sparren zu werden, aß nur noch zweimal am Tag, heizte meine Wohnung kaum und minimeirte meine Ausgaben. Doch natürlich konnte ich nicht ewig so leben. Schon bald war meine Wohnung zu teuer ich zog aus und verbrachte die Zeit im Freien oder in Unterkünften für Obdachlose.

So vergehen nun meine Tage, verschmelzen zu einer grauen, kalten Masse ohne Eingang oder Ausweg. Ich lebe mit der Kälte, ich aktzeptiere sie und gebe mich ihr ihn. Denn Gefühle sind tückisch, Hoffnung enttäuschend und Liebe nur Schmerz. Mühsam setze ich mich auf. Manchmal weiß ich gar nicht, warum ich das überhaupt noch tue. Liegen bleiben, eins mit der Kälte werden. Das ist leichter Doch nur mit Bewegung lassen sich die hinterhältigen Gedanken vertreiben, die mir doch noch eine Regung entlocken wollen. Desahlb muss ich aufstehen. Ich schlurfe durch die Stadt zur Obdachlosenhilfe, um mir etwas zu essen zu besorgen. Drinnen ist es wärmer und ich erlaube mir, kurz diese Wärme zu genießen, während ich darauf warte, dass sich die Schlange weiter bewegt. Überall nur resignierte und ausgemergelt Gesichter; wir alle sind im kalten Grau gefangen. Bei der Essensausgabe ist wieder eine der hochmotivierten Freiwilligen, die sich für ihr Gewissen engagieren und dann nach kurzer Zeit wieder abziehen und auf die Universität gehen. Das wäre ich, wenn ich könnte. Ich seufze innerlich und nehme mein Essen, während ich den erschreckten Blick der Gleichaltrigen zu ignorieren versuche. Ich bin schon beinahe an meinem Stammplatz, da ruft sie mich zurück und überreicht mir mit einem strahlenden Lächeln den Pudding, den ich vergessen habe. Ich murmele ein gepresstes Danke und trolle mich an meinen Tisch. Dort bleibe ich sitzen und beobachte das geschäftige Treiben, während ich mich langsam durch mein Frühstück kämpfe. Als ich genug habe, lehne ich meinen Kopf an die Wand und döse vor mich hin. Plötzlich wird ein Tablett vor mir auf dem Tisch abgestellt. Ich fahre hoch und sehe die Freiwillige vor mir sitzen. Sie lächelt mich an und gibt mir eins von ihren Brötchen. ‚Hey, ich dachte ich schaue mal vorbei‘ sagt sie und schüttelt ihre blonden Haare. Sie sieht gut aus. ‚Ich bin Lana‘ ‚Katrin‘ sage ich. Etwas in ihrem Blick sagt mir, dass dies alles ändern wird. ‚Freut mich dich kennenzulernen‘ antwortet sie und sucht meinen Blick.

Nach einiger Zeit beginnen wir zu reden. Wir treffen uns immer häufiger bei der Hilfe und der Umgang wirc immer vertrauter. Wir unternehmen Ausflüge und Stück für Stück taue ich auf. Ih beginne wieder zu träumen und halte mich an meinen Träumen fest. Ich beginne wieder mein Leben zu leben. Und als ich wieder ich bin, erzähle ich Lana meine Geschichte von der Kälte und meiner Schwester, von meiner Hüllle und dem Heim. Und sie hört zu und sagt die richtigen Sachen an den richtigen Stellen. Und ich erkenne: Ich bin warm und frei.


Vielen Dank für’s Durchlesen und viel Spaß mit den anderen tollen Beiträgen. Ich hoffe euch hat die Geschichte gefallen undschreibt gerne mal eure Meinung (mir ist sie nach wie vor ein bisschen zu platt).

Alles Liebe,

Lotte

2 Kommentare zu „#Writing Friday – Bitterkalt

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